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Ratgeber · Assistenz & Teilhabe

Wie viele Assistenzstunden bekomme ich? Die Bedarfsermittlung

Es gibt keine Stundentabelle: Wie die Bedarfsermittlung nach § 118 SGB IX funktioniert, welche neun Lebensbereiche zaehlen und wie Sie das Ergebnis beeinflussen.

S Sarah Müller ca. 5 Min. Lesezeit
Wie viele Assistenzstunden bekomme ich? Die Bedarfsermittlung

Auf einen Blick: Es gibt keine Tabelle, aus der sich eine Stundenzahl ablesen ließe. Die Eingliederungshilfe ermittelt den Bedarf individuell nach § 118 SGB IX entlang von neun Lebensbereichen — mit einem landeseinheitlichen Instrument, in Nordrhein-Westfalen dem BEI_NRW. Entscheidend ist Ihre eigene Schilderung des Alltags. Der häufigste Fehler dabei ist der beste Tag: Wer beschreibt, was an guten Tagen gelingt, bekommt einen Bedarf bewilligt, der an schlechten nicht trägt. Und Sie haben ein Recht auf eine Gesamtplankonferenz (§ 119 SGB IX).

„Wie viele Stunden bekomme ich?" ist die Frage, die uns am häufigsten gestellt wird — und die einzige, auf die es keine schnelle Antwort gibt.

Das ist keine Ausweichbewegung. Es liegt am Verfahren: Der Umfang wird nicht zugeteilt, sondern aus Ihrer Beschreibung abgeleitet. Wer das versteht, verhandelt anders.

Warum es keine Stundentabelle gibt

Anders als beim Pflegegrad, wo Punkte zu einer Stufe führen, arbeitet die Eingliederungshilfe teilhabeorientiert: Gefragt wird nicht, was jemand nicht kann, sondern was ohne Unterstützung an Teilhabe ausfällt.

Zwei Menschen mit derselben Diagnose können deshalb sehr unterschiedliche Bewilligungen erhalten — je nachdem, wie ihr Alltag aussieht, was sie erreichen wollen und welche Unterstützung im Umfeld ohnehin da ist.

Für Sie folgt daraus die praktische Regel dieses Ratgebers: Nicht die Stundenzahl fordern, sondern den Bedarf beschreiben. Die Stunden ergeben sich daraus.

Die neun Lebensbereiche — der eigentliche Fragebogen

§ 118 SGB IX gibt die Struktur vor. Bewertet wird entlang dieser neun Bereiche:

  1. Lernen und Wissensanwendung
  2. Allgemeine Aufgaben und Anforderungen
  3. Kommunikation
  4. Mobilität
  5. Selbstversorgung
  6. Häusliches Leben
  7. Interpersonelle Interaktionen und Beziehungen
  8. Bedeutende Lebensbereiche (Bildung, Arbeit, wirtschaftliches Leben)
  9. Gemeinschafts-, soziales und staatsbürgerliches Leben

Gehen Sie diese Liste vor dem Termin durch und notieren Sie zu jedem Punkt ein konkretes Beispiel. Die Bereiche, die am häufigsten leer bleiben, sind 2, 7 und 9 — allgemeine Aufgaben, Beziehungen und gesellschaftliche Teilhabe. Genau dort entscheidet sich aber, ob Assistenz für Wege, Termine und Kontakte bewilligt wird.

Merksatz: Was in keinem der neun Bereiche auftaucht, existiert für die Bewilligung nicht — egal wie belastend es ist.

Der häufigste Fehler: der beste Tag

Menschen beschreiben im Termin, was sie schaffen. Das ist verständlich und oft eine Frage der Selbstachtung — und es kostet regelmäßig die Hälfte der Stunden.

Wie viele Assistenzstunden bekomme ich? Die Bedarfsermittlung

Drei Gegenmittel:

Über mehrere Tage dokumentieren. Zwei bis vier Wochen mit kurzen Notizen: was am Tag nicht gelungen ist, was jemand anders übernommen hat, was liegen geblieben ist.

Die Folge benennen, nicht nur die Tätigkeit. Nicht „Einkaufen fällt schwer", sondern „ich kaufe nur noch ein, wenn jemand mitkommt; sonst esse ich, was da ist".

Die Hilfe der Angehörigen sichtbar machen. Was der Partner, die Tochter oder eine Nachbarin auffängt, ist Bedarf — er wird nur derzeit privat gedeckt. Wird er verschwiegen, gilt er als nicht vorhanden.

Und ebenso wichtig: Erschöpfung und Schwankungen gehören ins Protokoll. Wer nach einem Behördentermin zwei Tage ausfällt, hat einen anderen Bedarf als jemand, der denselben Termin wegsteckt.

Die Gesamtplankonferenz — Ihr Recht mitzureden

Nach § 119 SGB IX kann eine Gesamtplankonferenz durchgeführt werden. Teilnehmen der Träger der Eingliederungshilfe, Sie selbst und weitere beteiligte Leistungsträger. Beraten wird über das Ergebnis der Bedarfsermittlung, Ihre Wünsche und die konkrete Ausgestaltung der Leistung.

Das ist der Moment, in dem sich ein Bescheid noch beeinflussen lässt — und viele lassen ihn verstreichen, weil sie nicht wissen, dass es ihn gibt.

Was hilft:

  • Ausdrücklich darum bitten, am besten schriftlich und schon im Antrag.
  • Eine Vertrauensperson mitnehmen, die mitschreibt. Was gesagt wurde, ist später sonst strittig.
  • Konkret werden. „Ich brauche mehr Stunden" überzeugt niemanden. „Für den Arbeitsweg dienstags und donnerstags brauche ich Begleitung, weil …" schon.
  • Nachfragen, was in den Gesamtplan aufgenommen wird, und sich das Ergebnis geben lassen.

Wie das Verfahren insgesamt läuft, steht in Eingliederungshilfe beantragen; für Nordrhein-Westfalen zusätzlich in Eingliederungshilfe beim LWL beantragen.

Pflegegrad und Teilhabebedarf messen Verschiedenes

Eine Verwechslung, die viel Zeit kostet:

Pflegegrad (SGB XI) Teilhabebedarf (SGB IX)
Frage Wie selbstständig ist jemand? Was fehlt zur Teilhabe?
Verfahren Begutachtung nach dem NBA, Module und Punkte Bedarfsermittlung entlang neun Lebensbereichen
Ergebnis Pflegegrad 1 bis 5 Art und Umfang der Leistung
Zuständig Pflegekasse Träger der Eingliederungshilfe

Beides kann parallel bestehen und tut es häufig. Ein hoher Pflegegrad führt aber nicht automatisch zu vielen Assistenzstunden — und ein fehlender Pflegegrad schließt Assistenz nicht aus.

BeHome Care erbringt Assistenz nach § 78 SGB IX bundesweit und begleitet auf Wunsch die Vorbereitung auf die Bedarfsermittlung.

So bereiten Sie sich vor

  1. Vier Wochen dokumentieren — kurze Notizen, mit Datum, auch an guten Tagen.
  2. Die neun Lebensbereiche durchgehen und zu jedem ein Beispiel notieren.
  3. Ziele formulieren. Die Bedarfsermittlung fragt danach: Was wollen Sie erreichen, das derzeit nicht geht?
  4. Vorhandene Unterstützung benennen — auch die private.
  5. Gesamtplankonferenz beantragen, schriftlich.
  6. Eine Vertrauensperson mitnehmen.

Was den Umfang in der Praxis mitbestimmt

Neben Ihrer Schilderung wirken einige Faktoren, die selten offen benannt werden — es hilft, sie zu kennen:

Die Zielformulierung. Wer angibt, wieder arbeiten oder eine Ausbildung beginnen zu wollen, begründet damit Assistenz für Wege, Vorbereitung und Nachbereitung. Ziele sind kein Wunschzettel, sondern der Maßstab, an dem der Bedarf bemessen wird.

Die Wohnsituation. Wer allein lebt, hat einen anderen Bedarf als jemand im Haushalt mit anderen — auch wenn die Beeinträchtigung identisch ist.

Die Verlässlichkeit des Umfelds. Ein Netz, das jederzeit wegbrechen kann, ist etwas anderes als eine feste Zusage. Sagen Sie, worauf Sie sich wirklich verlassen können.

Die Tageszeiten. Assistenz am Abend, am Wochenende oder nachts wird gesondert begründet. Wer nur den Vormittag beschreibt, bekommt nur den Vormittag.

Die Schwankung. Bei schubförmigen oder belastungsabhängigen Erkrankungen gehört der schlechte Zeitraum ins Protokoll — sonst wird der gute zur Norm.

Häufige Fragen

Gibt es eine Mindest- oder Höchststundenzahl? Nein. Der Umfang folgt dem individuell ermittelten Bedarf.

Zählt die Hilfe meiner Familie gegen mich? Sie wird erfasst, aber sie ist kein Grund, den Bedarf zu verneinen. Familiäre Unterstützung ist freiwillig und kann jederzeit entfallen — sagen Sie das auch so.

Kann ich die Gesamtplankonferenz verlangen? Sie können sie beantragen; sie wird mit Ihrer Zustimmung durchgeführt. Bitten Sie schriftlich darum.

Was, wenn zu wenig bewilligt wird? Widerspruch innerhalb eines Monats — mit ergänzenden Belegen zum Bedarf, nicht mit einer Wiederholung des Antrags.

Bekomme ich mit hohem Pflegegrad automatisch mehr Assistenz? Nein. Die Verfahren messen Verschiedenes und laufen getrennt.

Wer hilft mir bei der Vorbereitung? Die Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung (EUTB) berät kostenlos und trägerunabhängig.

Wie lange dauert das Verfahren? Das hängt am Träger. Stellen Sie den Antrag formlos und datiert, sobald der Bedarf feststeht — das Datum sichert Ihre Ansprüche.


Sie bereiten gerade eine Bedarfsermittlung vor? Wir gehen die neun Lebensbereiche mit Ihnen durch und sagen, was in Ihrer Schilderung fehlt — kostenlos und unverbindlich, bundesweit. Telefon 02327 4177490 oder über das Kontaktformular.

Weiterführend:

Stand: September 2026. Die neun Lebensbereiche folgen dem Wortlaut des § 118 SGB IX; das eingesetzte Instrument bestimmen die Länder. Wir prüfen diesen Ratgeber bei jeder Änderung nach.

Portrait von Sarah Müller
Fachbeitrag von

Sarah Müller

Teamleitung BeHome Care

Sarah Müller leitet seit über 10 Jahren die Pflege bei BeHome Care. Ihre Expertise liegt in der Strukturierung von Pflege-WGs und der Qualitätssicherung in der ambulanten Pflege.

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